11  METAPHYSIK


"Wenn zwei Philosophen diskutieren, ohne sich zu verstehen, dann ist es Metaphysik; und falls sie sich selbst nicht verstehen, dann machen sie höhere Metaphysik."
Voltaire

Die bissige Bemerkung Voltaires zeigt, welche Wertschätzung die Metaphysik in den vergangenen Jahrhunderten, besonders seit der Zeit der "Aufklärung" genoß. In der Tat trug auch die Tendenz, daß verschiedene Denker und Autoren Metaphysik mehr oder weniger willkürlich definierten, nicht gerade zu ihrer Rehabilitierung bei.
Schon in der Antike wurde der Begriff Metaphysik (griech. meta ta physika) verwendet, um die Erkenntnismöglichkeiten, die nach der Physik (des Aristoteles) oder über sie hinaus denkbar sind, zu bezeichnen. Die menschlich-existentielle Grundfrage "Was kann ich wissen?" verfestigte sich in der Folge in einer anhaltenden kognitiven Teilung in Philosophie, Religion und (Natur)Wissenschaft. Besonders die Religion (oder allgemeiner jede Form von Mystizismus) und die Philosophie okkupierten den Begriff der Metaphysik und füllten ihn mit den eigenen, systeminhärenten Botschaften.
Am jetzigen Ende des Alten Äons stößt jede (Hoch)Religion mit ihrem Prinzip des Glauben-Müssens an deutliche Grenzen. In gleicher Art und Weise lief sich die Philosophie als Moloch ausufernder Begrifflichkeit (oder Begriffslosigkeit) tot. Sie näherte sich in ihrem Erkenntnisdenken keineswegs einer zeitlosen ontologischen Wahrheit, sondern vielmehr nur der möglichen Vielfalt von Thesen, Theorien und Modellen, die unterschiedliche Philosophen aus ihrem persönlichen Lebenskontext heraus schufen. Aber auch die Wissenschaft gelangte mit ihren rapide gewachsenen experimentellen Virtualitäten an eine deutliche Erkenntnis-Schranke. Ganz abgesehen davon, daß sie mit ihrem Apparat institutioneller Verschränkung und akademischer Inquisition ihre eigenen Ziele und Postulate ad absurdum führte.
So bleibt zwar Metaphysik die Lehre vom Seienden insgesamt oder vom Sein des Seienden (und damit weiterhin eine klassische philosophische Disziplin); sie muß jedoch gerade in einem anbrechenden Neuen Äon unserer Meinung nach auf der Basis einer abgewandelten Begrifflichkeit das leisten, was den genannten einzelnen Disziplinen versagt bleibt.
Diese Bemühungen fanden ihren Ausgangspunkt in den Lehren einiger Magier und Theosophen des ausgehenden 19. Jh., die das magische Denken aus dem Sumpf des mittelalterlichen Aberglaubens herausführten und mit der Forderung nach wissenschaftlicher Methodik, logischer Konsistenz und Überprüfbarkeit konfrontierten. Das Motto der von Aleister Crowley herausgegebenen Werkreihe "Equinox" lautete "Die Methode der Wissenschaft - das Ziel der Religion" und steht gewissermaßen zusammenfassend für diese Entwicklung. In gleichem Maße bewegten sich Wissenschaftler - insbesondere aus den Bereichen Biologie, Chemie, Atom- und Quantenphysik - kontinuierlich aus den herkömmlich abgesteckten Bereichen des wissenschaftlichen Denkens heraus und zwar ganz im Sinn des Kantschen Verständnisses von Metaphysik, über die Grenzen der Natur hinauszugehen. Namen wie Sheldrake, Capra, Bohr, Wheeler, von Neumann, Bell, Wilson, Leary u.a. werden diesbezüglich wohl im Gedächtnis bleiben.
Metaphysik bezieht sich dabei weniger auf den Verstand als Erkenntniswerkzeug sinnlicher Erfahrung als auf die Vernunft als Instrument des sich selbst reflektierenden menschlichen Geistes. Auf Kosten der alten Vorstellung von Diesseits und Jenseits, Außerhalb und Innerhalb entwickeln sich mit einer modernen Metaphysik auch die Erkenntnismöglichkeiten von komplex verwobenen, chaotisch anmutenden Seinsdimensionen, in denen wir selbst - ganz und getrennt gleichermaßen - eingewoben sind. Metaphysisches Denken, so wie wir es im GOLEM pflegen wollen, ist offen für das gesamte Spektrum existentieller Erkenntnis. Es verläßt ständig den eigenen Grund und Boden, um in neues Terrain vorzustoßen und entspricht daher als kollektiver Denkansatz dem individuellen Ziel der Bewußtseinserweiterung. Ergebnisse der Naturwissenschaft, Philosophie und Psychologie, Experimente der Magie und Psychonautik, traditionelles Wissen von Alchemie, Kosmologie und Mythologie, mathematische Ansätze und philosophische Erklärungsmodelle, PSI-Forschung und Parapsychologie - dies und noch viel mehr wird in Zukunft immer mehr durch Metaphysik vereint und gefaßt, getragen und weitergeführt werden.

Wenn die Zeit nicht auf der Höhe ist, genügt es nicht, auf der Höhe der Zeit zu sein.


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