DIE WELT DREHT SICH WEITER ODER
WARUM DER GOLEM WIEDER ZU LEHM WIRD


Liebe Leserinnen und Leser des GOLEM,

„Alt und hinfällig ist die Welt geworden“, war eine immer wiederkehrende Formulierung schon in mittelalterlichen Schenkungsurkunden von Klöstern und tatsächlich scheint sich bis zum heutigen Tag dieser merkwürdige Satz mit einer Behauptung, die objektiv nicht beweisbar, sehr wohl aber subjektiv empfindbar ist, mehr und mehr ins gesellschaftliche Bewußtsein zu rücken. „Die Welt ist im Wandel ...“ heißt es bei J. R. R. Tolkien in seinem legendären „Herrn der Ringe“, der im Grunde eine dramatische Geschichte des Untergangs einer alten, liebenswerten Welt ist – ein Untergang, der durch das Eingreifen der Hobbits zwar gerade nocheinmal aufgehalten werden kann, aber nicht grundsätzlich, sondern nur für eine Gnadenfrist. Die Elben haben die Grauen Anfurten und damit unsere Welt auf Nimmerwiedersehn verlassen. „Die Welt hat sich weiter gedreht.“ Auf diesem Satz läßt Stephen King sein Monumental-Epos „Der Schwarze Turm“ aufbauen, in dem eine Handvoll Helden in einer geradezu deprimierenden Welt ihr Schicksal bestehen müssen – eine Welt, in der bereits alles, was wir kennen und meinen, das es ewig währen müßte, nur noch Schatten und Erinnerung ist. In „Matrix“ schließlich ist die Welt, wie wir sie erleben und mögen, nur noch ein manipulatives Computerprogramm, während die Wirklichkeit ein apokalyptischer Alptraum ist. Man könnte viele weitere Beispiele nennen, der Sinn ist immer der gleiche: gerade jetzt, in diesem Augenblick, befindet sich die Welt in einem Stadium des Verfalls; alles scheint immer mehr zu verschleißen, eine Wert-volle Kultur, deren Wurzeln in uralte Zeiten zurückreicht, verabschiedet sich zugunsten einer Pseudo-Realität, die den Schein vor dem Sein bevorzugt. Ist heute noch ein Leonardo da Vinci denkbar? Ein John Dee, ein Austin Spare oder auch nur ein Aleister Crowley? Ein neuer Buddha in der Nachmittags-Talkshow? Ein Universalgelehrter am Experten-Telefon? Eine delphische Orakel-Priesterin im Internet? Ein inkarnierter Meister der Weißen Bruderschaft im New-Age-Seminar? Die Vielfalt des Lebens verläßt unter unseren „gesegneten“ Händen zuhauf diesen Planeten und selbst die Dinge zerfallen und versagen den Dienst, so als besäßen sie Bewußtsein und würden sich uns absichtlich verweigern.
Nein, keine Angst, ich bin nicht den Zeugen Jehovas beigetreten und habe auch keinen Termin für den nächsten Weltuntergang berechnet (der entgegen allen Prophezeiungen bisher noch immer ausgeblieben ist). Ich möchte jedoch deutlich machen, daß wir in der Tat dabei sind etwas zu verlieren, dessen Wert wir wahrscheinlich erst schätzen können, wenn es unwiederbringlich verlorengegangen ist. Nennen wir es Kult-Ur, magische Kraft, Seele, Weisheit oder wie auch immer – nicht wenige Menschen werden wissen, was ich meine, weil sie es selbst fühlen können und das hat überhaupt nichts mit falscher Nostalgie zu tun.
Ist es reiner Zufall, wenn sich in dieser Gesellschaft des allgemeinen Abschieds viele kleine Verluste aneinanderreihen, so daß sie einzeln betrachtet kaum ins Gewicht fallen, zusammen und als Ganzes aber genau dieses geschilderte Heraustreten aus Kultur prägen?
Lieber Leser, liebe Leserin, vor Ihnen/Dir liegt die letzte Ausgabe des GOLEM. Die Zeitschrift stellt ihr Erscheinen ein; die Gestalt des Golem zerfällt wieder zu amorphem, feuchtem Lehm und kehrt zu ihrem Ursprung zurück. Fast zwei Jahre haben wir über diesen Schritt immer wieder und wieder nachgedacht, mit Freunden diskutiert, uns eine letztendliche Meinung gebildet und wollten doch die Konsequenzen dieser Meinungsbildung nicht so recht wahrhaben. Zuletzt haben wir sogar das I-Ging befragt, aber dessen Antworten (die sonst immer so außerordentlich weise und zutreffend ausfallen) verworfen, weil sie dem Status Quo nicht angemessen erschienen.
Lassen wir einiges Revue passieren und versuchen wir, die Gründe für diesen Schritt näher zu erklären. Hat die magische Manifestation des Golem, wie in der jüdischen Legende, seine Aufgabe erfüllt? Oder sind wir alles in allem mit unserem Anspruch gescheitert?
Sieben lange Jahre haben wir Ausgabe für Ausgabe entsprechend einem sorgfältig gewählten, okkulten Konzept erschaffen. Es war tatsächlich jedes Mal wieder ein Schöpfungsprozeß, ein vermeintlich zufälliges Kaleidoskop von Autoren, Beiträgen und Themen, deren höchst sinnfälliges Muster erst unmittelbar vor Redaktionsschluß sichtbar wurde. Unsere magische Basis und Symbolik war dabei die Elf: 22 Ausgaben sind erschienen, jede mit dem Stern der Elf versehen. Die Crowleysche Zahl der Magie, die mittelalterliche Zahl der Sünde und Überschreitung religiöser Gebote, die Zahl der Narren, des sexuellen Tabubruchs, der willentlichen Schöpfung, der Auflehnung und der Freiheit. 22 Ausgaben lang haben wir uns standhaft geweigert, den im Pressegeschäft üblichen Anzeigenrummel mitzumachen und potentiellen Inserenten hinterher zu hecheln – mit der Konsequenz der doppelten finanziellen Belastung. Wir haben uns ebenso standhaft geweigert, ein Etikett, eine Schublade, eine Organisation oder einen Guru für das was wir tun, zu wählen. Obwohl dieser im klassischen Sinne universalistische Standpunkt – wie wir meinen – lohnenswerte Schätze in Form von ungewöhnlich guten Texten hervorgebracht hat, mußten wir damit in einer Zeit scheitern, in der man der Haltlosigkeit nur zu entgehen vermag, indem man sich den unterschiedlichsten Szenen zugehörig fühlt: hier die Esoteriker, dort die Satanisten, da die Hexen – Heiden, Anarchisten, Grenzwissenschaftler, Künstler, Schamanen, Mitglieder von Orden und Gruppierungen, zu viele bunte Schildchen, die zu bereitwillig angeheftet werden und hinter denen die Gemeinsamkeiten, die Essenz, die fruchtbare Verbindung meistens leider zurückbleiben. Der Blick über den eigenen, liebgewordenen Tellerrand fällt schwer.
Eine Zeitschrift kann in einer reinen Warengesellschaft nur eine Ware sein. Der attraktive Gedanke, eine speziell magische Zeitschrift zu einer Identifikations- und Diskussionsplattform für möglichst viele an Bewußtseinserweiterung Interessierte werden zu lassen, stellte sich als Utopie und nicht realisierbar heraus. Dafür waren unsere Kräfte, Möglichkeiten und Mittel von Anfang an zu gering. Eine Ware will und soll darüber hinaus lediglich verkauft und konsumiert werden und sonst nichts. Szenemitglieder möchten gern Szeneprodukte konsumieren, Produkte also, die ihren Erwartungen voll und ganz entsprechen (oder ihr Geld wert sind, wie man so schön sagt). Unser Ziel dagegen war und bleibt die Erweiterung des Blickwinkels, der systemische Ansatz, die Synthese von scheinbar widerstreitenden Standpunkten und die Antithese zu liebgewordenen, aber nicht hinterfragten Allgemeinplätzen. Wenn man die normale Fluktuation von neuen Abos und Kündigungen abzieht, konnten wir daher die Anzahl unserer Leser über die Jahre hinweg nur marginal steigern. Wie Menschen können auch Projekte ermüden, sich aufreiben oder ins Leere laufen. Wenn das Ungleichgewicht zwischen Aufwand (an Energie, Nerven, Zeit, Arbeit und Geld) und Ergebnis (zur Verfügung stehende Manuskripte, Resonanz, Diskussion etc.) allzu groß wird, wird es Zeit aufzuhören. DER GOLEM war ein Produkt für eine kleine, feine und intelligente Leserschaft – nicht mehr und nicht weniger.
Ganz am Anfang, bevor wir überhaupt mit dem GOLEM begonnen haben, fragten wir uns, ob die Zeiten so geschätzter magischer Magazine wie ANUBIS, UNICORN oder MESCALITO endgültig vorbei sind oder ob daran anknüpfend nicht eine neue Ära magischer Publizistik möglich ist. Es bleibt festzuhalten, daß die alten Aufbruchzeiten wahrhaftig vorbei sind. Sie waren schon vorbei, bevor wir überhaupt anfingen, darüber auch nur nachzudenken. Es bleibt jedoch ebenso festzuhalten, daß sieben Jahre GOLEM sehr wohl eine kleine, eigenständige Ära bilden und daß der Inhalt der erschienenen Ausgaben in seiner Ganzheit ein horizonterweiterndes Kompendium bildet, das seinesgleichen sucht und hoffentlich noch lange nachwirken und Leser interessieren und inspirieren wird. Zusammen mit unseren Autoren (die nie ein Honorar für ihre Arbeit verlangt haben) können wir darauf zu Recht stolz sein.
Wir möchten uns vor allem bei den Lesern bedanken, die über die ganze Zeit hinweg dem GOLEM treu geblieben sind und uns damit immer den Eindruck vermittelten, daß diese Zeitschrift aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Wir möchten uns für den Zuspruch dieser Leser bedanken und die oft artikulierte Freude über eine neue Ausgabe. Ohne Autoren, Mithelfer, Übersetzer, Zeichner, Fotografen und viele mehr wäre der GOLEM nie erschienen. Am Ende dieses Heftes findet man daher unsere Credits (wie es so schön neudeutsch heißt), verbunden mit einem fetten DANKE an alle, die jemals an einer Ausgabe des GOLEM mitgearbeitet, -gewirkt und -geschrieben haben.
Wir wollen uns auch bei jenen „Lesern“ bedanken, die stetig versucht haben, uns über den Tisch zu ziehen, zu bescheißen und um Abo- und Rückbuchungsgebühren zu prellen. Leute, die inhaltlich nie auch nur ein Wort verloren haben, aber nicht müde wurden, endlose E-Mail-Debatten zu führen, wenn es darum ging, ein paar Euro Porto nachzuzahlen oder sich an Kündigungsfristen zu halten. Gehabt Euch wohl! Wir haben daraus einiges gelernt!
Gerade in den letzten Monaten sind neue okkulte Magazine auf den Markt gekommen, aber Umfang, Inhalt und Erscheinungszyklen zeigen, daß man dort mit denselben Schwierigkeiten wie wir zu kämpfen hat. Trotzdem wünschen wir den neuen Redaktionen alles Gute, Kraft und Inspiration.
Ich habe das Editorial immer dafür genutzt, einige zeitkritische Gedanken unterzubringen. Vielleicht hat das, zumindest anfangs, nicht wenige Leser überrascht, ist doch die heutige Esoterik und Magie meilenweit von Gesellschaftskritik und sozialen Belangen entfernt. Zauberer, Hexen und Magier waren in früheren Zeiten nicht selten darauf angewiesen, ihre wahre Geisteshaltung zu verbergen; sie wurden verfolgt oder mußten um ihr Leben fürchten. Ihre Subkultur war immer ein Hort der Political Incorrectness, der Freiheit, einer anarchischen Weltanschauung, der Toleranz, der Ablehnung religiöser Dogmen oder Moral. Mittlerweile leben wir erneut in einer Gesellschaft, in der sich die Gesinnungsjustiz wieder breit macht. Bücher kommen auf den Index, Internet-Seiten werden gesperrt, Meinungsäußerungen zensiert, unterdrückt oder mit Strafverfolgung bedroht. Im einflußreichsten Land der Welt sind gerade Militärtribunale und Folter legalisiert worden und alle schauen tatenlos zu oder applaudieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das hier genauso ist. Während man mit geheucheltem Entsetzen und endloser Selbstzerfleischung immer wieder die schlimme Zeit des Dritten Reiches heraufbeschwört, diskutiert man gleichzeitig über CIA-Kidnapping, Geheimgefängnisse, „aggressive Verhörmethoden“ und Gefangenenlager, als ob es sich um die letzten Fußballergebnisse handelt. Jeder, der offene Augen und Ohren hat, weiß das alles. Werden wir wie Rohans König Theoden im „Herrn der Ringe“ irgendwann erwachen, uns verschlafen die Augen reiben und uns fragen: Wie konnte es nur so weit kommen?
Ich habe am Anfang geschrieben, daß wir immer mehr verlieren und dabei Gefahr laufen, erst wenn es zu spät ist diesen Verlust überhaupt zu bemerken. Dies trifft m.E. in erhöhtem Maße auf die zeitgenössische Esoterik und Magie zu, erstrecht in Deutschland. Zu viele bequeme Luftschlösser, in denen man es sich gemütlich machen kann, während in der wenig geschätzten realen Welt vieles in Scherben geht. Die Totalität der aufbereiteten Mediensuppe verschleimt jeden freien Geist und wer heute noch glaubt, zu den Randzonen und Subkulturen zu gehören, läuft in Wirklichkeit längst Moden, Szenen, manipulierten Meinungen und Trendprodukten hinterher und ist damit ein braves, angepaßtes Rädchen im Getriebe geworden. Robert Anton Wilson hat den Satz geprägt: Was der Denker denkt, wird der Beweisführer beweisen. Dabei ist zu beachten, daß sowohl Denker als auch Beweisführer im eigenen Kopf sitzen. Heraus kommen dabei immer die ultimativen, absoluten Wahrheiten, die keine sind, aber bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden müssen. Solange die „Nur ich/wir besitzen die alleinseligmachende Wahrheit“-Scheiße nicht aufhört, wird es auf diesem Planeten immer nur bergab gehen und leider hat sich gezeigt, daß Esoteriker, Magier, Okkultisten, Verschwörungstheoretiker und Erleuchtete gegen diesen einfachen Mechanismus nicht gefeit sind.
Laßt uns immer offen sein und offen bleiben und die Freiheit über alles schätzen.
Natürlich wird es den HADIT Verlag & Versand weiter geben. Hin und wieder einen Blick auf unsere Internet-Seite www.hadit.de zu werfen, macht daher durchaus Sinn. Wir werden uns weiter bemerkbar machen. So viel ist sicher ...

FRIEDE SEI MIT EUCH!
Euer Frank Cebulla

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„Erhofft alles von euch selbst. Erwartet nichts von denen, die euch regieren. Der Staat ist unproduktiv. Er kann nur geben, was er vorher genommen hat.“
John Henry Mackay


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